Vorreiter in Niederösterreich – durch pharyngeale Elektrostimulation lernen Schlaganfallpatienten im Universitätsklinikum Tulln wieder schlucken

TULLN – Die pharyngeale Elektrostimulation kommt niederösterreichweit im Universitätsklinikum Tulln erstmals zum Einsatz. Diese spezielle Therapie hilft Patientinnen und Patienten nach Schlagfällen wieder schlucken zu lernen.

50 bis 80 Prozent der Schlaganfallpatientinnen und -patienten leiden daran: Schluckstörungen. Ein gefährliches Symptom, da die Gefahr besteht, dass Teile der Nahrung in die Atemwege und bis in die Lunge gelangen. Dies kann zu schweren Pneumonien (Lungenentzündungen) führen – und in schlimmster Folge zum Tod. Besonders Schlaganfallpatientinnen und –patienten mit einer Tracheotomie (Luftröhrenschnitt) sind häufig von schweren Schluckstörungen betroffen. Im Universitätsklinikum Tulln kommt nun ein innovatives Gerät zum Einsatz, um dem Schlucken wieder auf die Sprünge zu helfen: die pharyngeale Elektrostimulation.

Federführend dafür, dass die pharyngeale Elektrostimulation niederösterreichweit zum ersten Mal in Tulln angewendet wird, sind Assoc. Prof. PD Dr. Walter Struhal, Primar der neurologischen Abteilung, und OÄ Dr. Cornelia Brunner. Gemeinsam mit PhDr. Michaela Trapl-Grundschober, MAS, MSc, Logopädin an der Stroke Unit und Expertin zum Thema Schluckstörungen, ist die Stimulation nun im Einsatz. Bei dem innovativen Gerät handelt es sich um eine umfunktionierte Ernährungssonde, die mit zwei kleinen Elektroden versehen ist. Diese werden im Rachen auf Höhe des zweiten bis vierten Halswirbels positioniert. Bei der ersten Behandlung wird die untere und obere Reizschwelle der Patientin/ des Patienten ermittelt. Dabei verspürt der Patient/ die Patientin zunächst für einige Sekunden ein Kribbeln im Hals, das dreimal hintereinander bestimmt wird, und somit die untere Reizschwelle definiert. Zur Bestimmung der oberen Reizschwelle wird ein Reiz appliziert der unangenehm wird jedoch nicht schmerzhaft sein soll. Das wird ebenfalls dreimal hintereinander wiederholt. Aus diesen Tests wird ein Mittelwert in mA errechnet, anhand dessen die Patientin/ der Patient an mindestens drei aufeinanderfolgenden Tagen für zehn Minuten stimuliert wird. Die Aufgabe der Ärztinnen, Ärzte, Logopädinnen und Logopäden ist es, nicht nur das Gerät anzuwenden, sondern auch den Patienten zu motivieren, durchzuhalten. Der Erfolg ist meist rasch sichtbar: „Schon während der zehn Minuten Stimulation erhöht sich die Schluckfrequenz meist enorm“, sagt Trapl-Grundschober.

Die pharyngeale Stimulation eignet sich für beinahe jede Schluckstörung nach einem Schlaganfall und auch bei Patientinnen und Patienten, die mit einer Trachealkanüle versorgt werden müssen. Umso früher mit der Anwendung begonnen wird, umso besser: Sie kommt unter anderem auch auf der Intensivstation und sogar bei beatmeten Patienten zum Einsatz. „Auf Grundlage der Prognose und anderer Parameter entscheiden wir im multidisziplinären Team, ob der Patient von der Stimulation profitieren kann und dann setzen wir sie ein“, sagt Trapl-Grundschober. Auf das Gehirn übt die Elektrostimulation einen neuro-sensorischen Reiz aus – eine Art „Kickstart“ fürs Schlucken, sagt Oberärztin Brunner. Neuro-plastische Prozesse werden gefestigt und sorgen dafür, dass der Schluckakt wieder besser ausgelöst wird. Das neue Gerät verbessert noch vieles mehr: „Die Methode kann die Chancen erhöhen, früher dekanüliert zu werden“, sagt Struhal. Die Lebensqualität des Patienten kann dadurch verbessert werden, die Dauer des Aufenthaltes dadurch verkürzt werden. Bei jeder Anwendung im UK Tulln bespricht das interdisziplinäre Team zunächst, ob der Patient für die Stimulation geeignet ist. Dagegen spricht etwa, wenn jemand ein aktives, elektrisches Gerät im Körper hat. Die Zukunft wird zeigen, ob das Gerät auch bei anderen neurologischen Erkrankungen wie Parkinson, die mit Schluckstörungen verbunden sind, zum Einsatz kommt.

 

BILDTEXT Bild 1: PhDr. Michaela Trapl-Grundschober, Logopädin im UK Tulln, wendet die pharyngeale Elektrostimulation bei einem Patienten an. 

BILDTEXT Bild 2: Assoc. Prof. PD Dr. Walter Struhal, OÄ Dr. Cornelia Brunner und PhDr. Michaela Trapl-Grundschober (nicht am Bild) holten die moderne Behandlungsmethode ins UK Tulln.  

Fotocredit: UK Tulln

 

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